"Estomihi!

"Sei mir ein starker Fels!" 

Psalm 31,3

 

Liebe Gemeinde,

 

in unserem Kirchenjahreskreis tragen Sonntage einen Namen. In der Liturgie, dem Gottesdienstablauf, ist es die erste Zeile des Eingangspsalms. Estomihi heißt der Sonntag vor der Passionszeit. "Sei mir ein starker Fels!" Aber wir ruhen uns an ihm nur aus. Mit seiner kraft im Rücken gehen wir krftvoll los. Aus dem Neuen Testament wird uns die Richtung gewiesen: "Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem!"

 

Passionszeit ist Zeitansage im Kirchenjahr, ist Fastenzeit nach altem Brauch. Sieben Wochen nehmen wir uns Zeit hinauf nach Jerusalem zu gehen. Es ist seit altem Brauch keine fröhliche Wanderung zu einer schönen Stadt, sondern der achtsame Weg druch genau die Welt, in der wir leben. Ein Kruezweg, auf dem wir begleitet durch die Geschichten von Jesus Christus auf unsere Gewissheiten und Selbstverständlichkeiten, unsere Gedankenlosigkeiten und Zwänge schauen, auf alle "Du musst..", auf alle "Ich müsste eigentlich..."

Unser Weg durch die Passionszeit ist keine Pilgerfahrt in "Sack und Asche" oder im Büßergewand der Selbstquälerei, sondern Zeit der inneren Einkehr und Ehrlichkeit zu sich selbst.

 

Aber eben nicht unbeweglich im seelischen inneren „stillen Kämmerlein“, sondern höchst aktiv und auf den Beinen. Passionszeit ist das Gegenteil von seelischem Lockdown, „weil die Welt eh ist wie sie ist und wir daran nichts ändern
können“ und „weil ich halt bin wie ich bin und die andern damit klar kommen müssen“.

 

Die „7-Wochen-ohne“-Fastenaktion der Kirche hat in diesem Jahr das Thema: „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden“. Es wirkt etwas weltfremd in der Wirklichkeit unseres Landes. Aber vielleicht ist gerade dieses Urteil
schon die erste Blockade, die wir lösen könnten. Der Winter-Lockdown, genauer die Furcht und die Sorge, die uns umtreibt und zu den Maßnahmen führt, die andere uns verordnen und schwerer noch, die wir unserer Seele
selbst zumuten, macht Herzen und Sinne eng und im Grundton traurig. Auch die kreativen Ersatzlösungen für das, was gerade nicht geht, schieben dieses Grundgefühl nicht weg. Das geht auch mir so.


Und dennoch ist da dieser Weg hinauf nach Jerusalem! Er beginnt jetzt. Stiefeln wir los und gewinnen den Raum der inneren Freiheit zurück, finden Wegweisung in den biblischen Geschichten, „lassen, was dahinten liegt“. Dann
könnte die Passionszeit uns zur Zeit der Hoffnung werden.


Ja, es ist gut, dass sie jetzt beginnt.

 

Ihre Pfarrerin Beate Henke